Mein „englischer“ Citroen, das letzte Auto meines Großvaters

Citroën-Fan der ersten Stunde, Michel Kaltschmid, aus Wien, ließ uns folgende schicksalsträchtige Geschichte zukommen:

Ein Citroën Six war seit den 1920er-Jahren das Fahrzeug meines Großvaters, wohlbehütet und gepflegt in der eigenen Währinger Haus-Garage. Doch 1952 gab es einen beachtlichen Autotausch: mein Großvater(damals schon 76 Jahre alt) erstand einen Citroën 11, der als englisches Erzeugnis aus Slough aber „Light fifteen“ benannt wurde. Er war 1949 gebaut worden, mit englischem „Luxus“ ausgeführt: Ledersitze, Stahlschiebedach, reichlich ausgestattetes Armaturenbrett und natürlich rechts gelenkt!

Mein Großvater war Verleger und Buchdruckerei-Besitzer. Sein Hausmeister hatte die tägliche Aufgabe, den Citroën zu waschen! Es war oberstes Gebot, das Auto nur mit (weissen Leder-) Handschuhen zu berühren. 1954 war ich alt genug, um den Führerschein zu erwerben. Mein Vater hatte einen Morris Oxford, der aber die Handbremse aussen angebracht hatte und daher für Übungsfahrten nicht zugelassen war. Daher bat ich meinen Großvater, mit seinem Citroën mit mir zur „Privatschüler“-Prüfung in der Wiener Rossauer-Kaserne anzutreten. Die Privatschüler wurden alle vom damaligen Chef des Wiener Verkehrsamtes, Hofrat Leo, geprüft und man erzählte, dass dieser von 10 Kandidaten elf durchfallen ließ, weil er so streng prüfte.

Unbekümmert trat ich aber am 19. Mai 1954 zur Prüfung an: Hofrat Leo ließ mich nur einmal rund um die Rossauer-Kaserne fahren und kommandierte dann: „Fahren Sie rechts ran“. Dann stieg er aus und nahm vor meinem Großvater Haltung an und sagte: „Sie haben brav geübt mit Ihrem Enkelsohn, Herr Major!“ Hintergrund der Geschichte: mein Großvater war Major in der kaiserlichen Armee gewesen, musste aber 1918 einen neuen Beruf ergreifen; Hofrat Leo hatte es nur zum Hauptmann unter dem Kaiser gebracht. So war meine erste liebgewordene Erfahrung mit dem Citroën durchaus positiv geworden!

Das geliebte englisch-französische Auto fand ich nach 17 Jahren Stehzeit in einer Scheune in Deutschland wieder, brachte es zurück nach Wien – und es war fahrbereit! Inzwischen ist es liebevoll restauriert worden und dient mir jederzeit zu Oldtimer-Ausfahrten und als Hochzeitskutsche, und und und . . Manch einer wird nach dieser kleinen Geschichte meine Liebe zum englischen Citroën, der zwar ein Typ 11 ist, aber eben Light fifteen heißt, verstehen und mit mir empfinden. (Michel Kaltschmid)

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